Öffentliche Neugierde

Kennen Sie Dominik Mächler aus Rapperswil? Kaum. Aber seit heute ist er ein "Promi". Er hat im Club Pirates in Hinwil den Titel des "Oberpiraten 2012" gewonnen. Dies schreibt "ZO Online" und droht uns für morgen Freitag auch noch einen ausführlichen Bericht im gedruckten "ZO" an. Um den begehrten Titel zu erringen, hatte M., wie wir ihn ab sofort nennen wollen, schwierige "Tasks" wie Eistauchen, BHs einsammeln, eine Denkaufgabe (sic!), rohen Fisch essen und Drecktauchen zu absolvieren.

 

Who cares? Vielleicht den aktuellen oder zukünftigen Chef von M. Wetten, dass der vom "ZO" gelobhudelte Neu-Promi es spätestens bei der nächsten Stellenbewerbung bereuen wird, hier, bei diesem Club-Casting mit "echter" Alt-Prominenz in der Jury (Christa Rigozzi, Fabienne Louves, Freddy Nock) mitgemacht und unauslöschliche Medienspuren hinterlassen zu haben?

 

Identifizierende Berichterstattung, namentlich mit Namensnennung, ist nur bei öffentlichem Interesse zulässig, hat der Presserat in verschiedenen Stellungnahmen immer wieder betont. Selbst über Personen der Zeitgeschichte, die als solche von öffentlichem Interesse sind – berühmte Sportler, Schauspieler, Politiker – darf nicht alles geschrieben werden. Auch wirkliche Promis haben das Recht auf einen geschützten Privatbereich.

 

Was genau aber ist öffentliches Interesse? Darüber scheiden sich die Geister. Jedenfalls genügt öffentliche Neugierde nicht. Das Geschehen, über das unter Namensnennung von Beteiligten berichtet wird, muss von einer erheblichen Relevanz für eine grössere Anzahl von Personen sein. Was die Berichterstattung unter Namensnennung aus Strafprozessen betrifft, besteht eine gefestigte Presserats-Praxis. Zur immer beliebter werdenden Casting- und Shooting-Berichterstattung in Boulevard-Medien fehlt sie noch weitgehend. Kann ich mich als M. dagegen wehren, in der Presse namentlich genannt und im Bild gezeigt zu werden, wenn ich in einem besoffenen Club-Casting gewinne? Kann ich drei Monate später, wenn mich der "Promi"-Rummel nervt, verlangen, dass die Artikel im Medienarchiv gelöscht werden?

 

Wo klein Kläger ist, ist vorläufig auch kein Richter. Aber das ist nur eine Frage der Zeit: Wir sind gespannt auf den ersten Presseratsfall auf diesem Feld....

 

Thomas Illi, Chefredaktor "buebikernews"

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