"Gemeindezeitung" will sich der Politik öffnen

Parteien sollen für Publikationen bezahlen müssen

Dass die Bubiker "Gemeindezeitung", eine von einem Verein getragene, gewerbenahe Publikation, keine politischen Beiträge – mit Ausnahme behördlicher Informationen – abdruckt, ist seit Jahren Gegenstand heftiger Kontroversen im Dorf.

 

Nun will sich die Zeitung den Parteien öffnen: Wie aus einem Rundschreiben "an alle Parteien in der Gemeinde Bubikon" hervorgeht, hat der Vereinsvorstand beschlossen, ab der Ausgabe 64 (Juni 2012) pro Ausgabe "eine Seite für politische Informationen und Beiträge gegen Entgelt zur Verfügung zu stellen." Der "Spezialpreis" für eine Seite sei auf 400 Franken festgesetzt werden.

 

Laut dem Schreiben müssen sich die Parteien "selber organisieren, was innerhalb dieser Seite jeweils publiziert wird." Zwecks Koordination und Abrechnung sei eine Person der "Gemeindezeitung" als zuständig zu melden. Ausserhalb dieser Seite würden "wie bisher keine zusätzlichen politischen Inserate und Beiträge angenommen". Und: Die Parteien müssen "die fertige Seite als druckfertiges PDF" liefern.

 

Somit biete die Gemeindezeitung "Hand für einen lang gehegten Wunsch der Parteien", heisst es in dem nicht namentlich unterzeichneten Schreiben des Vorstandes. Dieser sei aber nach wie vor der Meinung, "dass wir keine politische Funktion ausüben wollen, sondern lediglich die Einwohner unserer Gemeinde mit Artikeln und Informationen von allgemeinem Interesse leliefern möchten."

*

 

Kommentar: Das funktioniert so nicht

 

Bisher war den Parteien der Zugang zur "Gemeindezeitung" – die seinerzeit immerhin mit einer Anschubfinanzierung aus Steuergeldern gegründet worden war – gänzlich verwehrt. Das führte zu teilweise grotesken Situationen: Bubiker Kandidaten für überregionale Wahlen durften zwar ohne weiteres im Hinwiler Gemeindeblatt "Top Hiwil" inserieren, in der eigenen Gemeindezeitung aber erschien keine Zeile zu solchen Wahlen.

 

Nun will sich das Organ den immer lauter gewordenen Unmutsbezeugungen plötzlich beugen. Präsentiert wird jedoch eine Lösung, die so niemals funktionieren wird.

 

Die Kosten: 400 Franken pro Ausgabe sollen die Ortsparteien hinblättern, um eine – von ihnen selber als druckfertiges PDF produzierte – Seite in der "Gemeindezeitung" platzieren zu dürfen. Das ist, im Zeitalter des Internets, der Social Media, der Blogs und im Hinblick auf die bestehende Gratis-Konkurrenz, absolut weltfremd. Warum soll eine kleine Partei solche Kosten auf sich nehmen wollen, nur um vor den Gemeindeversammlungen ihre Parolen-Communiqués auch in der "Gemeindezeitung" publizieren zu dürfen, wo doch ZO, regio und "buebikernews" solche Mitteilungen selbstverständlich gratis in ihren redaktionellen Teil aufnehmen?

 

Die Umsetzung: Die Parteien müssten jemanden finden, der professionell eine Zeitungsseite redigieren, layouten und produzieren kann – und über die nötige sehr teure Software verfügt. Und dies vermutlich, ohne am oben beschriebenen Geldsegen teilhaben zu können. Auch das ist absolut unrealistisch. Kommt dazu, dass diese Person das Vertrauen aller beteiligten Parteien geniessen müsste und bezüglich der Themenauswahl und -Gewichtung wohl im Dauerclinch mit allen Parteipräsidien wäre.

 

Der journalistische und medienrechtliche Ansatz: Ist dem verfassungsmässigen Auftrag (Artikel 39 der Zürcher Kantonsverfassung), die politischen Parteien am Meinungsbildngsprozess teilhaben zu lassen, wirklich Genüge getan, wenn man sie teuer bezahlte Publireportagen, wie wir sie leider immer häufiger auch in der Regionalpresse antreffen, und unüberprüfte PR-Beiträge veröffentlichen lässt? Wäre es nicht richtiger, journalistische Formen – in redaktioneller Verantwortung der "Gemeindezeitung" – zu pflegen? Über Medienkonferenzen zu berichten, Themen zu recherchieren? Interviews zu führen? Themen kontradiktorisch abzuhandeln und aus unabhängiger Warte zu kommentierten? Nur durch redaktionelle Einflussnahme könnte doch sichgergestellt werden, dass die neue Politik-Seite nicht missbraucht wird, dass plötzlich Parolen erscheinen, die vielleicht sogar strafrechtlich relevant sind.

 

Schade, dass die Ideen des Vereinsvorstands den Parteien jetzt aus heiterem Himmel als fertige Lösung hingeworfen werden, ohne dass zuvor Gespräche geführt , dass sinnvolle und tragfähige Lösungen gesucht wurden. Die Bubiker Parteien sind wohl nicht einfach erpicht auf eine weitere – bezahlte – Werbeplattform. Sondern sie möchten, dass man sich in journalistischer Art und Weise mit ihren Anliegen befasst.

 

Thomas Illi, Chefredaktor "buebikernews"*

 

*Deklaration der Interessensbindungen: Thomas Illi ist Präsident der EVP-Ortsgruppe Bubikon

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    R. Studer (Donnerstag, 01 März 2012 15:34)

    Ich befürchte, die Verantwortlichen für diese "Lösung" leben nicht in derselben Welt, in der ich lebe. Da wird ständig über mangelndes soziales, politisches, kirchliches Engagement geschimpft (eine tatsächlich existierende Gefahr gerade für semiurbane Gemeinden wie Bubikon) - und gleichzeitig müssen sich die Leute, die sich zusammentun, um sich für das Gemeinwesen zu engagieren, wie Bittsteller behandeln lassen, die auch noch dankbar sein müssen, dass sie sich zu einem "Spezialpreis" zu ihren Vorstellungen äussern dürfen. Es ist absurd.

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