Mi
30
Nov
2011
In einem gemeinsam von Evangelisch-reformierter Landeskirche und Staatsarchiv getragenen Projekt werden die Protokolle des sogenannten Stillstands, einem Vorläufergremium der heutigen
Kirchenpflegen, online zugänglich gemacht. Die Texte aus dem 17. Jahrhundert bieten eindrückliche Schilderungen der Lebensverhältnisse der damaligen Bevölkerung.
Auf eine Initiative des freischaffenden Historikers Beat Frei vereinbarten im Jahr 2009 der damalige Kirchenratspräsident Ruedi Reich und Staatsarchivar Beat Gnädinger, die Online-Publikation der
Zürcher Stillstandsprotokolle des 17. Jahrhunderts an die Hand zu nehmen. Am 14. April 2010 bewilligte der Regierungsrat auf Antrag der Evangelisch-reformierten Landeskirche aus dem Lotteriefonds
einen Beitrag von 300‘000 Franken. Seit dem 29. November sind die ersten von Beat Frei transkribierten Stillstandsprotokolle auf der Archivdatenbank des Staatsarchivs online zugänglich, zusammen
mit Digitalisaten der Originalquellen.
Die Zürcher Stillstandsprotokolle dokumentieren die Tätigkeit der ältesten Aufsichtsbehörde der reformierten Kirchgemeinden, des sogenannten Stillstands, so benannt, weil das Gremium nach dem
Gottesdienst in der Kirche wortwörtlich «stillstand», also stehenblieb, um monatlich seine Geschäfte unter dem Vorsitz des Pfarrers zu beraten. Der seit dem frühen 17. Jahrhundert bezeugte
Stillstand war multifunktional Kirchen-, Schul-, Armen- und Vormundschaftsbehörde in einem, zugleich auch Sittengericht, und übernahm an einigen Orten sogar Funktionen der politischen
Gemeindebehörden. Nach dem Umsturz der politischen Verhältnisse 1798 wurden seine Aufgabenbereiche auf rein kirchliche Angelegenheiten beschränkt, und das Gremium später durch die heutigen
Kirchenpflegen ersetzt.
Entsprechend den vielfältigen Aufgaben des Stillstands dokumentieren die vom jeweiligen Pfarrer verfassten Protokolle die ganze Bandbreite des Alltags und des Zusammenlebens der Menschen im
Gebiet des damaligen Stadtstaats Zürich. Einsetzend mit dem Jahr 1631, sind für das 17. Jahrhundert aus insgesamt 35 Kirchgemeinden, die sich über den ganzen Kanton verteilen,
Stillstandsprotokolle überliefert. Zum Projektstart werden rund 500 Protokollseiten aus den beiden Kirchgemeinden Brütten und Hedingen online publiziert. Periodisch werden weitere Gemeinden
aufgeschaltet. Aus Bubikon sind gemäss dem Gemeindearchivführer der Staatsarchivs Stillstandsprotokolle der Jahre 1692 bis 1772 überliefert.