So

06

Nov

2011

Heimerziehung: Wie war es wirklich?

Kommentar: Verdingkinder-Debatte hat Bubikon erreicht

"Im lieblichen Gelände bei Bubikon liegt Friedheim in stiller Abgeschiedenheit, eine geweihte Stätte für die Rettung armer, verkommener Kinder aus der Nähe und Ferne. Die Anstalt kann als eine Zweiganstalt der Bächtelen betrachtet werden, insofern sie die gleiche Tendenz hat und der gegenwärtige Hausvater Probst ein Lehrzögling der Bächtelen ist. Der Anfang der Anstalt war klein, die Zahl der Kinder ist 12 (Knaben 7, Töchterchen 5), und erfreulich ist es, dass Friedheim den eigentlichen Familiencharakter sich errungen hat, Vater und Mutter und Kinder beiderlei Geschlechts  in herzlichem Vereine, in welchen aber letzte Tage die Desertion mehrer Knaben eine fatale Bresche gemacht hat. Die Anstalt trägt das Gepräge der Bescheidenheit und des Stilllebens, und strengt sich mit grosser Treue an, die Kinder die Furcht des Herrn zu lehren. Freundlich wechselt der Unterricht mit der Arbeit und gemeinsames Gebet beginnt und schliesst das Tagewerk. Die liebliche Rettungsanstalt liegt vielen Menschenfreunden warm am Herzen und ihre besuchten Jahreshefte sind zugleich ein segensreiches Mittel der Erweckung und Erbauung für viele heilsbegierige Seelen geworden."

 

Diese Schilderung über die Bubiker "Rettungs- und Erziehungsanstalt" stammt aus dem Protokoll der Jahresversammlung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft vom 20./21. September 1853. Sie kontrastiert deutlich mit den Schilderungen eines Schweizer Verdingbuben gegenüber der NZZ, der über 100 Jahre später, also in jüngerer Vergangenheit, in diesem Heim eine Tortur mit einem tyrannischen und sadistischen Hausvater erlebt haben will ("buebikernews" berichtete). Zentrale Aussage: "Niemand hat eingegriffen, niemand hat ihn gestoppt." Die Besuche der Aufsichtsbehörden hätten darin bestanden, dass der Präsident der Heimkommission jeweils in seinem Buick vorgefahren sei und mit den Hauseltern "geschlemmt" habe.

 

Welche Sichtweise über die – es ist zu betonen: früheren, vor über 40 Jahren herrschenden  – Zustände trifft die Realität eher? Die Bubiker Geschichtsschreibung ("Bubikon/Wolfhausen – zwei Dörfer, eine Gemeinde") aus den frühen achtziger Jahren deutet im Kapitel über das Erziehungsheim (Titel: "Betreut und behütet") zwar an, dass "Ordnung und Unterordnung, Zucht und Drill" einst zum Erziehungskonzept gehört habe, schiebt dies aber auf den Zeitgeist und vermeidet eine echte Auseinandersetzung mit Schilderungen, wie sie wohl nicht erst jetzt, im Zuge einer neu entflammten Verdingkinder-Diskussion, ans Tageslicht kommen. Interessant an dem Protokoll-Auszug von 1853 ist die beiläufige Erwähnung einer Desertion von mehreren Knaben, welche die Heimidylle störe...

 

Soll man die Vergangenheit ruhen lassen, wenn Missstände doch längst beseitigt sind? Das Beispiel des von der NZZ porträtierten Augenzeugen zeigt, dass eine minutiöse Aufarbeitung der wichtigste Schritt einer Wiedergutmachung wäre. Schläge, Demütigungen – das sind Dinge, die man nicht ungeschehen machen kann. Das kollektive Wegschauen, Verharmlosen, Beschönigen könnte man aber noch heute korrigieren.

 

Thomas Illi

 

 

Unter dem Patronat der Guido-Fluri-Stiftung und von Worldkids – Stopp der Gewalt gegen Kinder befasst sich ein neugegründetes Internetportal mit der historischen Aufarbeitung der Heimerziehung und Fremdplatzierung in der Schweiz: Kinderheime der Schweiz.

 

Bild: SNB Bild: SNB

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