So
06
Nov
2011
In der heutigen NZZ schildert Walter Steck aus Horgen, 1946 in Rüti geboren, sein Schicksal als Verdingbub. Er habe "eine Kindheit und Jugend mit Gewalt, Entbehrung und Ausbeutung erlebt, bei Pflegeeltern und im Heim".
Als besonders schlimm schildert Steck seine Erlebnisse "in einem evangelischen Erziehungsheim in Bubikon", in welches er von den Behörden für vier Jahre eingewiesen wurde, nachdem er zweimal seinen Pflegeeltern davongelaufen war. Der Heimleiter, zitiert die NZZ den ehemaligen Verdingbub, sei "ein richtiger Tyrann gewesen, gewalttätig, schon fast sadistisch, böse und unberechenbar." Steck berichtet von den vielen Strafmethoden, vom Eingesperrtwerden im sogenannten "Besinnungszimmer", das schlimmer gewesen sei als jede Gefängniszelle. Er habe "tagein, tagaus im riesigen Bauernbetrieb des Heims krampfen müssen, als kindliche Gratis-Arbeitskraft, und nur wenige Stunden pro Woche die interne Schule besuchen dürfen".
Für Bubikon-Insider ist klar, dass mit dem erwähnten Heim nur das 1847 als "Rettungs- und Erziehungsanstalt" gegründete und später in "evangelisches Schülerheim Bubikon" umgetaufte "Friedheim" gemeint sein kann. Die gedruckte Bubiker Ortsgeschichte "Bubikon/Wolfhausen – zwei Dörfer, eine Gemeinde" blendet eine mögliche dunkle Vergangenheit der Institution weitgehend aus. Immerhin schrieb Max Bührer in dem 1983 erschienenen Werk: "Bete und arbeite" war der ursprüngliche Leitgedanke des Friedheims. Ordnung und Unterordnung, Zucht und Drill galten als Grundlagen der Erziehung." Auf einschlägigen Internetseiten, die sich mit der Verdingkinder- und Fremdunterbringungsproblematik befassen, taucht das Friedheim indessen mehrfach auf, zum Beispiel auf der Seite Waisenkinder – Verdingkinder in der Schweiz . In Bildern dokumentiert ist auch, dass die Zöglinge eine Zeitlang in gestreifter Anstaltskleidung gehalten wurden. Dieser Umstand ist in der Bubiker Ortschronik ebenfalls erwähnt, allerdings in harmloser Form: "Unter Hausvater K. trugen die Knaben gestreifte Leibchen....sie waren als Kadettenkorps organisiert."
1970 bis 1976 wurde das Friedheim komplett in ein Sonderschulheim umgestaltet. "Der Umbau wurde damals zum Anlass genommen, einen Neubeginn in jeder Hinsicht zu starten", meint Gemeindepräsident Bruno Franceschini heute.